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das schaffen wir…

Und hier: Anja Reschke
ARD/Panorama
http://daserste.ndr.de/panorama/archiv/2016/Anja-Reschke-Stolz-auf-das-was-geschafft-wurde,reschke380.html
„Aber haben wir es denn nicht geschafft? Ist dieses Land im Chaos versunken? Vielleicht sollte man seinen Blick mal darauf richten, was geschafft wurde. Dass Deutschland als einziges großes Land in Europa nicht dicht gemacht hat. Dass es sich human gezeigt hat. Dass es den vielen Mitarbeiter/innen in Behörden und Verwaltung gelungen ist, die große Zahl an Flüchtlingen zu versorgen. Dass es hier immer noch zehntausende Bürger/innen gibt, die helfen. Jeden Tag. In ihrer Freizeit! Wenn man schon stolz sein will auf Deutschland, dann vielleicht doch mal darauf.“
Anja Reschke
KOMMENTAR – 05.09.16 – Hamburger Abendblatt

Wenn wir die Flüchtlinge wären

Von Heribert Prantl

Wie jeder von uns Merkels „Wir schaffen das“ umsetzen kann

Ein Jahr nach dem großen Flüchtlingswochenende wird Merkels Satz in unzähligen Leitartikeln und Analysen nach allen Regeln der Kunst seziert. Wer ist „wir“? Was ist gemeint mit dem „schaffen“ und was mit dem „das“? Wir schaffen das – handelte es sich um einen Mutmach-Satz für Staat und Gesellschaft, vielleicht auch für Europa? Handelte es sich um eine Einladung an die Flüchtlinge? Um ein Versprechen, um eine Verheißung? Oder einfach um einen Appell der Menschlichkeit?

Just in der Zeit, in der man sich über Merkel zu streiten begann, in der sie auch in bürgerlichen Kreisen als „Diktatorin“ beschimpft wurde, gab es eine große literarische Entdeckung. Entdeckt wurde ein Text von Shakespeare über Flüchtlinge. In diesem jetzt mehr als 400 Jahre alten Text lässt Shakespeare den großen humanistischen Staatsmann Thomas Morus eine Rede halten. Thomas Morus hält diese Rede angesichts der geflüchteten Menschen von damals: Es gab den Hass, es gab die Hetze, und es gab Angriffe auf die Menschen, die damals aus Frankreich und aus Flandern gekommen waren und in London Schutz gesucht hatten; es waren Glaubensflüchtlinge, die zu Hause ihres Lebens nicht mehr sicher waren. Und die Hetze gegen sie glich der Hetze, die man heute gegen Flüchtlinge in ganz Europa wieder hört. Es grassierten vor 400 Jahren die nämlichen Vorurteile gegen die Hugenotten, wie sie heute gegen die Muslime grassieren; und es gab Einheimische, die meinten, sie müssten sich mit Gewalt gegen die Fremden wehren.

Die Europäer sind stolz auf ihre Grundrechte. Zur Kernsubstanz dieser Grundrechte gehört die allgemeine Ur-Regel, auf die sich Thomas Morus in seiner Rede beruft. Als Sprichwort lautet sie so: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“ Shakespeare wendet diese goldene Regel ins Positive und sagt es so: „Handeln wir, wie wir behandelt sein wollen“ – wenn wir Flüchtlinge wären.

Das ist der Satz, der ein Jahr nach Merkels Satz neben das „Wir schaffen das“ zu stellen ist: Handeln wir, wie wir behandelt sein wollen, wenn wir Flüchtlinge wären. Es geht in diesem Satz nicht nur um das Mitleid mit den Flüchtlingen, es geht hier um die Begründung des Rechts. Das Wesen des Rechts besteht darin, dass es aus dem Haifischbecken eine Gesellschaft formt.

Ein Jahr nach Merkels „Wir schaffen das“ ist das nicht so sicher: Die Gesellschaft in Deutschland ist – wie die in ganz Europa – hin- und hergerissen zwischen aufgeklärter Hilfs- und Rechtsbereitschaft einerseits und Ratlosigkeit, Abwehr und Hetze andererseits. Viele sagen Ja zu den Flüchtlingen, dahinter folgt, in verschiedener Größe, ein Aber; die Größe des „Aber“ hängt auch und vor allem davon ab, wie die Politik agiert. Es gibt eine immer giftigere flüchtlingsfeindliche Szene, die nicht nur „Aber“ sagt, sondern zu deren Kommunikationsmitteln Unverschämtheiten, Morddrohungen und Brandsätze gehören; es ist dies eine Gesellschaft, die ein neuer Thomas Morus lehren muss.

Vielleicht wird zu viel von denen geredet, die Gift und Galle spritzen. Es gibt aber auch Zigtausende in Deutschland, die den Flüchtlingen helfen beim Deutschlernen, beim Umgang mit Behörden, beim Fußfassen in diesem Land. Auch sie brauchen einen Thomas Morus – einen, der sie bestärkt, einen, der ihnen sagt: Wir handeln, wie wir selbst – wären wir Flüchtlinge – behandelt werden wollten. Das ist Mikropolitik, aber ohne diese Mikropolitik bleibt alles Reden von Integration Gerede. Sie hat auch die Kraft, die Makropolitik Europas zu verändern und sie so zu verbessern, dass sie ihre nationalen Egoismen aufgibt.

Dieser Beitrag wurde geschrieben in laut bellen, Politik. Der dicke Hund..
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